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|| Home > Gemeinden > Predigten > „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne"
Predigt anlässlich der Haiti-Erdbeben-Katastrophe 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne"

Psalm 22,2
von Harald Rohr, Niederndodeleben
gehalten in St. Marien, Haldensleben, EKM

Liebe Gemeinde,
Ohrenzeugen erzählen davon: in der ersten Nacht nach dem entsetzlichen Erdbeben von Port-au-Prince, in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 2010, haben Menschen in der Finsternis der zerstörten Stadt zusammen gesessen und haben gesungen: klagende Glaubenslieder in kreolischer Sprache und Musiktradition. Kreolisch, diese Mischsprache aus afrikanischen Sprachen und Französisch – die Sprache des armen Volkes von Haiti. Die Sprache ist selbst ein Zeugnis für den Kreuzweg dieser Mitmenschen: Nachkommen von Sklaven, die seinerzeit gerade lange genug gelebt haben, um Kinder zur Welt zu bringen. Kinder, für die sie nicht sorgen durften – ihre Kinder gehörten den Herren der Plantagen, wie das Vieh.

Dann auf dem Papier bald zwei Jahrhunderte staatlicher Unabhängigkeit. Eine Erbfolge gespenstischer Diktatoren und gescheiterter Reformer. „Armenhaus der westlichen Welt“, wie wir es seit dem 12. Januar unentwegt hören. Alle Jahre wieder heimgesucht von Hurrikans, deren Häufigkeit und Zerstörungskraft mit dem menschengemachten Klimawandel in Verbindung gebracht werden. Jahr für Jahr weggeschwemmte Ackerkrume, ertrunkenes Vieh, zerstörte Straßen und Brücken.

Haiti ist auch ohne Hurrikans und Erdbeben ein Land, in dem Kinder armer Leute Lehm in die Brotfladen gemischt bekommen, weil es für ordentliches Mehl nicht reicht. Ein entsetzlich verarmtes Land, ein christliches Land, in dem viele unserer Hilfswerke – wie die Aktion „Brot für die Welt“ – seit Jahr und Tag tätig sind, ohne dass das auf besonderes Interesse in unserem Kirchenvolk gestoßen wäre.

Hunger, den suchen wir auf unserer recht ungenauen inneren Landkarte wo anders. Und wenige Flugminuten von Port-au-Prince entfernt, liegen schließlich die preiswerten Karibik-Urlaubsparadiese der Dominikanischen Republik. Ich wette, auch Menschen aus dieser Gemeinde haben es sich dort schon wohl sein lassen. Auf der „Spanischen Insel“ auf „Kleinspanien“, „Hispaniola“, wie sie nach der sog. Entdeckung 1492 genannt wurde, liegen heute zwei Staaten. „Haiti“ erinnert dabei an den Namen, den die ausgerotteten indianischen Ureinwohner ihrer Heimat gegeben hatten.

Die Klagelieder in der Dunkelheit der Trümmerwüste in den Nächten nach dem 12. Januar 2010, sie sind entstanden in einer tränenreichen Geschichte vieler Generationen in bitterster Armut. Der Klagepsalm, den Jesus in seiner Todesstunde betete, ist nun vollends zur Klage ihrer Herzen geworden: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen? Wir schreien, aber unsere Hilfe ist ferne.“

Das Erdbeben war eine Naturkatastrophe. Kein Volk, ob arm oder reich, kann davor fliehen. Aber bald werden Fachleute abschätzen, wie viele Opfer ein vergleichbares Beben im Erdbebenland Japan gekostet hätte. Erdbeben-sicheres Bauen gehört in diesem wohlhabenden und rechtsstaatlichen Land zu den geltenden Gesetzen. Ja, ein großer Teil der Menschheit lebt in Weltgegenden, wo Naturkatastrophen immer wieder zuschlagen – Naturkatastrophen, die wir nur dem Namen nach und aus Fernsehbildern kennen. Vulkanausbrüche, unglaubliche Stürme und Fluten, Dürre und eben Erdbeben. Und selbst die alltäglichen, harmlosen unter ihnen gehen an die Nieren. Es ist zutiefst unheimlich, wenn Bilder auf einmal schief hängen, obwohl man sie nicht angerührt hat.

Es gehört zur Lebenstüchtigkeit, zum Lebensmut ungezählter Mitmenschen, sich seelisch auf solche Risiken einzustellen. Und ihr solltet wissen, dass viele langfristige Vorhaben der Diakonie Katastrophenhilfe das Ziel haben, den Leben verschlingenden Naturkatastrophen vorzubeugen. Nach der Tsunami-Katastrophe von 2004 sind z. B. an vielen Küsten Asiens sichere Zufluchtsorte für Menschen entstanden, die sich bei Gefahr in Sicherheit bringen müssen. Große schmucklose runde Betonburgen auf hohen Stelzen, die tausenden Zuflucht bieten.

Naturkatastrophen und große Unglücke sind kein Gottesgericht, auf das selbstgerechte Menschen mit Fingern zeigen könnten. Jesus hat das klipp und klar ausgesprochen. Naturkatastrophen sind der hohe Preis dafür, dass unsere Erde ein Lebensraum in Bewegung ist – in vielfacher Weise. Auch Menschen in unserer Weltgegend, unter unseren Vorfahren, sind schon zu Opfern geworden. Denken wir an die historischen großen Fluten, die das Erscheinungsbild unserer Küsten völlig verändert haben. Oder an jenes große Dorf Goldau in der Schweiz, das im 19. Jh. mit allen Häusern und Menschen von einer ungeheuren Steinlawine bedeckt wurde.

Naturkatastrophen stürzen Menschen in Verzweiflung – ein Gottesgericht sind sie nicht. Von Kriegsfolgen, von Völkermord, vom Hunger, den Menschen herbei führen und dulden, können wir das nicht sagen. Da werden Gottes Gebote so eindeutig gebrochen, dass die Täter – nicht die Opfer – mit dem richtenden Gott rechnen müssen.

Was kann die schreckliche Naturkatastrophe von Haiti für unseren Glauben bedeuten?

Zu allererst ist sie eine Erinnerung an das Apostelwort: „Wenn (am Leib Christi) ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1. Kor 12,26a), so wie das in einem Körper, solange er lebt, selbstverständlich der Fall ist. Wird der Körper schmerz-unempfindlich, dann ist er tot. Die große Mehrheit der Leute von Port-au-Prince und Umgebung sind unsere Glaubensgeschwister. Ihnen beizustehen ist, im buchstäblichen Sinn des Wortes, Christenpflicht. Muslime würden über so etwas kaum diskutieren. Die „Umma“, die Weltgemeinschaft der Muslime, hat für ihren alltäglichen Glauben wahrscheinlich mehr Gewicht als für uns das Wort „Ökumene“.

Und dies: Unser aller Leben hängt von einer Handvoll elementarer Güter ab. Wir haben das nur vergessen. Zehn Tage, zwei Wochen nichts zu essen? Nun ja, das ist bestimmt nicht einfach, aber menschenmöglich. Dieselbe Zeit ohne Wasser? Da wird das Überleben zum Wunder. Das Menschenrecht auf sauberes, ausreichendes, erreichbares, bezahlbares Trinkwasser ist keine Redensart. Es ist eine absolute Lebensnotwendigkeit und ein Schwerpunkt in der Arbeit vieler Partnerorganisationen unserer Kirche in der armen Welt.

„Weil du arm bist, musst du früher sterben“, der Filmtitel von 1956 stimmt leider auch in Haiti. Nur der gerechte Gott weiß, wie viele Menschen in Haiti eher ihrer äußersten Armut, als dem gewaltigen Beben zum Opfer gefallen sind und zum Opfer fallen werden. Denken wir nur an die Hilfe, die nicht rechtzeitig in ihre elenden Quartiere vordringen konnte.

Solche Armut schweigend zu dulden, irgendwo auf Erden, das kann niemand von der Gemeinde Jesu verlangen. Dazu darf sie sich auch nicht hergeben. Darum bitte ich diese Gemeinde, wie alle Gemeinden in unserer Kirche, ein offeneres Ohr zu haben für die vielen klaren und gut verständlichen Worte, mit denen „Brot für die Welt“, die Diakonie Katastrophenhilfe, die Diakonie, die Mission und andere gute Werke immer wieder die „Gerechtigkeit des Reiches Gottes“, die Menschenrechte für die Armen unserer Zeit einfordern. Denn nach wie vor gilt „Es ist genug für alle da“ – wenn wir Brot teilen und Recht aufrichten.

Zum klaren Wort gehört die Tat, die ein klares Zeichen setzt. Dazu brauchen die dafür qualifizierten Werke unserer Kirche und ihre Partner vor Ort die nötigen Mittel – über die Tage der Schlagzeilen hinaus. Dabei machen die schönsten Geschichten vom Helfen und Teilen oft überhaupt keine Schlagzeilen.

Oder habt Ihr je gehört von der Rettung des Kreolenschweins durch „Brot für die Welt“-Partner in Haiti? Diese Viecher waren ein grunzender Lichtblick in den vor Schmutz starrenden Arme-Leute-Vierteln. Eine primitive, harte Hausschweinrasse, die sich ihr Futter notfalls irgendwo zwischen den Hütten und auf Müllkippen suchte: eine wichtige Nahrungsreserve und ein lebendiger Notgroschen für die armen Leute. Eine der früheren Regierungen von Haiti wollte sie abschaffen, verbieten. Kommerziell gezüchtetes Hochleistungs-Borstenvieh sollte an seine Stelle treten. Keine arme Mutter wäre da noch an Schweinefleisch gekommen. Eine von „Brot für die Welt“ unterstützte Protest- und Nachzuchtkampagne hat damals den Irrsinn verhindert.

Schließlich: Was Klugheit und Konzept der Hilfe für sehr ferne Nächste angeht, muss unsere Kirche, müssen die christlichen Kirchen insgesamt, sich nicht verstecken. Fast überall, wo nach menschlicher Erfahrung Katastrophenhilfe von „jetzt bis gleich“ nötig werden kann, geht das nach dem Motto aus dem Märchen vom Hasen und von Swinigel. Der kluge Hase kann rufen: „Ick bün all da!“ Doch der Igel ist ihm immer schon zuvor gekommen. Dem Igel gleichen die Träger der Ersten Hilfe der Kirchen, einheimische Partnerorganisationen und ihre Menschen, nicht hastig einfliegende deutsche Fachleute. Auch in Haiti war das so.

Ich kann verstehen, dass unsere Fernsehkamaras sich auf den Abflug von Bergungsfachkräften und ihren Hunden konzentriert haben. Das tun sie immer. Aber da waren die Partner unserer Kirche längst an der Arbeit, als Einheimische, die Weg und Steg kennen. Niemandes Engagement soll gering geschätzt werden. Aber ihr sollt wissen, dass die Partner unserer Kirche fast immer als Erste am Werk sind – und dass dahinter ein Grundgedanke steckt, der auch viel mit Vertrauen und Respekt zu tun hat. Das gilt auch, wenn viele der Helfer, wie z. B. beim Tsunami von 2004, Hindus Buddhisten oder Muslime sind.

Die Erdbebenkatastrophe vom Januar 2010 in Haiti wird aus den Schlagzeilen verschwinden, schneller als wir heute denken. Was bleibt, ist die Gewissheit des Glaubens: Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeitswillen machen keine Unterschiede zwischen seinen Menschenkindern.

Jesus ruft uns, diesem Gott zu vertrauen und keinem sonst! Nehmt seine Gebote der Liebe und der Gerechtigkeit wörtlich: persönlich, als Gemeinde und als Kirche unter den Völkern!

Amen.

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