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Erdbeben Haiti 

"Die Verzweiflung steigt"

Diakonie Katastrophenhilfe hat neben der Nothilfe auch langfristige Projekte im Blick – Interview mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin der Diakonie Katastrophenhilfe.

Cornelia Füllkrug-Weitzel
Cornelia Füllkrug-Weitzel

Wie kommt die Diakonie Katastrophenhilfe an Informationen aus dem Erdbebengebiet?
Die Diakonie Katastrophenhilfe hat in Port-au-Prince ein Projektbüro mit 26 Mitarbeitenden. Wir standen schnell nach dem Beben per Internet in Kontakt und haben dadurch die ersten Informationen über die Lage bekommen. Wir waren froh zu hören, dass unser Projektbüro noch steht. Alle Mitarbeitenden leben, wenn auch nicht alle Familienangehörigen. Im Moment sind die Kontakte aber abgebrochen.

Wie ist nach ihren derzeitigen Erkenntnissen die Situation für die Menschen in Haiti?
Die Straßen sind zerstört, überall liegen Trümmer, deswegen gibt es kein Durchkommen, und das macht es schwierig, die Situation überhaupt zu überblicken. Unsere Mitarbeitenden sind weitgehend im Büro und versuchen, Kontakte zu unseren Projektpartnern zu knüpfen. In der Stadt gibt es sehr viele Verletzte, die nicht versorgt werden können. Es gibt praktisch keine Medikamente. Die Menschen haben keinen Zugang zu Wasser, denn die Wasserversorgung erfolgt über Lastwagen, die aber auf den Straßen nicht durchkommen. Die Nahrungsmittelversorgung wird zunehmend ein Problem werden. Die Menschen kampieren auf offener Straße; sie sitzen nachts im Dunkeln, denn die Elektrizität ist ausgefallen, wie auch das Kommunikationsnetz. Das heißt, die Angst und die Unsicherheit steigen. Die Menschen fragen sich, woher Hilfe kommen wird. Und damit steigt auch die Verzweiflung. Man kann davon ausgehen, dass sich die Sicherheitslage immer weiter verschlechtert.

Was brauchen die Opfer des Erdbebens am dringendsten?
Am dringendsten benötigt werden medizinische Versorgung und Wasser. Darauf kann man nicht lange warten, denn es folgen weitere Probleme wie Infektionen und Epidemien. In zwei, drei Tagen werden auch Unterkünfte und Kleidung benötigt werden, wie auch eine gesicherte Nahrungsmittelversorgung. Grundsätzlich und langfristig brauchen die Menschen Unterstützung beim Wiederaufbau ihrer Wohngebiete. Gerade in den Slums haben die Menschen das wenige, dass sie hatten, verloren. Sie brauchen Hilfe beim Neustart ins Leben. In diesem Bereich sind wir sehr gut aufgestellt, weil die Diakonie Katastrophenhilfe sehr eng mit ihrer Schwesterorganisation "Brot für die Welt" zusammenarbeitet. Hand in Hand werden beide Organisationen dafür sorgen, dass der Wiederaufbau in langfristige Entwicklungshilfe übergeleitet wird. Dafür wird unendlich viel Geld gebraucht werden, denn Haiti ist viel zu arm, um den Wiederaufbau aus eigenen Mitteln bestreiten zu können.

Zerstörte Infrastruktur, verzweifelte Menschen - wer kann in einer solchen Situation überhaupt Nothilfe leisten?
Die Frage ist berechtigt, denn die staatlichen und internationalen Strukturen funktionieren nicht mehr. Wichtig ist nun vor allem, dass die Hilfe auch die kleinsten Orte erreicht. Das geht am besten mit dezentralen Strukturen und einer dezentralen Verteilung der Hilfsgüter. Das wiederum ist nur möglich, wenn man mit den Menschen dort langfristig zusammenarbeitet und den Kontakt, und den Zugang zu ihnen hat und ihr Vertrauen genießt. Vertrauen ist wichtig, weil in diesem politisch zerissenen Land oft sehr viel Misstrauen herrscht. Dadurch kann man die Ruhe herstellen, die nötig ist, um Hilfsgüter erst verteilen zu können. Organisationen wie wir haben durch diese dezentrale Strukturen die hoffentlich gute Chance, diesen Menschen zu helfen.

Hilfe ist also dringend notwendig. Was sind konkret die nächsten Schritte?
Wir testen zurzeit Möglichkeiten zur Hilfe und knüpfen Verbindungen zu den Menschen. Wenn das gewährleistet ist, planen wir gemeinsam mit Caritas International einen Flug mit Hilfsgütern. Damit wollen wir zunächst einmal zur Grundversorgung mit Medikamenten und Verbandsmaterial beitragen. Die Zahl der Verletzten, die unversorgt sind, ist sehr groß. Sie brauchen dringend Unterstützung. Gleichzeitig muss daran gearbeitet werden, Nahrungsmittel und Wasser ins Land zu bringen - auch dafür erkunden wir zurzeit die Möglichkeiten. Man muss aber wissen, dass man in einem derart zerstörten Land mit kaputter Infrastruktur, kopflosen Menschen und schwer Verwundeten nicht sofort alles zustande bringen kann, wie man es sich wünscht. Alles in allem sind wir aber auf einem sehr guten Weg, und wir hoffen, dass die Hilfsgüter in den nächsten Tagen eintreffen können.

zuletzt aktualisiert: 14.01.2010

> Online spenden: Erdbebenhilfe Haiti

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