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Die ersten Stunden nach dem Beben - Bericht von Tommy Ramm 

„Sie sagte, die Erde würde beben ­- dann war die Leitung tot.“

Tommy Ramm vom Team des Büros Bogota der Diakonie Katastrophenhilfe machte sich unmittelbar nach dem Erdbeben auf den Weg nach Haiti. Er berichtet über die ersten Stunden nach der Naturkatastrophe.

Dienstag, 12. Januar

Tommy Ramm
Tommy Ramm
„Ein Erdbeben in Haiti“, ruft die Kollegin vom Regionalbüro in Bogota. Ihre Stimme überschlägt sich. Wenige Sekunden vorher telefonierte sie mit ihrer Kollegin Astrid Nissen, die seit mehreren Jahren in Haiti das Büro der Diakonie Katastrophenhilfe leitet. In dem Telefonat ging es eigentlich um Detailfragen zu einem neuen Projekt in Haiti ­ Formalien um kurz vor fünf Uhr am Nachmittag. Jetzt berichtet die Kollegin aufgeregt: „Sie sagte, die Erde würde beben ­ dann war die Leitung tot.“

Die ersten Nachrichten zu dem Beben erscheinen im Internet; der amerikanische Nachrichtensender CNN zitiert Berichte von Augenzeugen über ein „katastrophales Ereignis“. Langsam wird uns bewusst, dass es stimmt: In Haiti hat es ein schweres Erdbeben gegeben. Am Abend gibt es eine Überraschung: „Astrid online“ erscheint auf dem Computer-Bildschirm. In Port-au-Prince funktionieren weder Telefon noch Handy, aber der Zugang zum Internet klappt bei der Kollegin im Erdbebengebiet. Per Internettelefon berichtet sie: Die Freundin eines Kollegen ist neben dem Büro von einer eingestürzten Mauer verletzt worden. Andere Kollegen sind aufgebrochen, um das Schicksal ihrer Familien aufzuklären. Zerstörungen sieht sie nicht, es ist ruhig ­ und stockfinster, denn die Stromversorgung ist ausgefallen. Astrid Nissen muss dann selbst kurz weg: Sie will mit ihrem Freund schauen, ob ihr Haus noch steht. Eine Stunde später ist sie wieder im Büro der Diakonie Katastrophenhilfe. Sie schreibt, der größte Supermarkt von Port-au-Prince sei eingestürzt, wie auch das beste Hotel im Viertel, das Hospital....

Mittwoch, 13. Januar

Ein Platz ist noch frei in einem Flug der American Airlines. Zwischen Flugbestätigung und Abfahrt zum Flughafen in Bogota liegen 30 Minuten. Pass, Bargeld und Wechselwäsche kommen schnell ins Gepäck. Der Flug führt über Florida. Abends in Miami kosten mich der US-Zoll und die Kontrollen fast den Weiterflug. Nach dem Sicherheitsvorfall von Detroit sind die Chancen auf ein schnelles Durchkommen gering. Ich rufe: „Nach Haiti!" - was den US-Zöllner von seinen Fragen abhält. Er winkt mich durch.

Wenige Stunden nach der Naturkatastrophe laufen bei CNN erste Bilder und Amateurvideos aus dem Erdbebengebiet. Zu sehen sind Haitianer, die entsetzt schauen. Die Aufnahmen zeigen auch viele Verletzte. Der Korrespondent spricht von vielen Toten in den Straßen. Es könnten Tausende sein, meint er. In Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, gibt es um Mitternacht ein kurzes Treffen mit Vertretern einer Partnerorganisation. Einige tausend US-Dollar erreichen mich per Bargeldtransfer von Western Union. Das Geld soll ich mit nach Haiti nehmen, damit wir zunächst einmal im kleinen Umfang Hilfe leisten können. Dass es in Port-au-Prince für lange Zeit nichts zu kaufen geben wird, wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Donnerstag, 14. Januar

Nach drei Stunden Schlaf im Hotel geht es zu einem Lokalflughafen. Dort soll es Charterflüge geben. Um die drei Maschinen drängen sich am frühen Morgen etwa 60 Journalisten. Die Preise für die 30-Minuten-Flüge nach Port-au-Prince sind mittlerweile so hoch wie die für einem Interkontinentalflug. Doch niemand schert sich darum. Dass es ein Desaster gab, wissen nun alle, und jeder will als erster seine exklusive Geschichte oder die ersten Bilder an seine Redaktion absetzen.

Über Port-au-Prince kreist der Flieger eine Stunde lang. Nervosität kommt auf. Der Luftraum über der Stadt ist voll, Vorrang bekommen große Maschinen mit Bergungstrupps aus Europa sowie US-Soldaten, die die Kontrolle über den Flughafen übernommen haben sollen. Von oben sieht die Stadt normal aus, niemand im Flugzeug kann auf Anhieb Zerstörungen ausmachen. Skeptische Gesichter zeichnen sich bei einigen Journalisten ab: Vielleicht hat sich der Aufwand für sie nicht gelohnt?

> Online spenden: Erdbebenhilfe Haiti

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