| || Home > Hilfe weltweit > Projekte > Haiti > Tagebuch > Tag 10 |
< zurück
An diesem Tag bin ich mit dem Vertreter der Schwesterorganisation von „Brot für die Welt“, der Schwesterorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe, in der Hauptstadt unterwegs. Mit der Direktorin der Organisation CES besuchen wir eine stark beschädigte Behindertenschule in der Innenstadt. Wir stehen im Hof der Schule vor einem Trümmerhaufen, aus dem der Verwesungsgeruch dringt. Arbeiter haben damit begonnen, die Trümmer zu beseitigen. Ob die Schule abgerissen werden muss, kann man nicht genau sagen.

Die Direktorin macht sich Sorgen um die rund 100 behinderten Schüler. Sie seien in der kritischen Lage nach dem Erdbeben besonders gefährdet. Über das Radio soll ein Aufruf gestartet werden, weil bislang niemand in der Schule etwas über den Verbleib der Schüler weiß. Auch zu den rund 60 Mitarbeitenden der Behindertenwerkstatt gibt es noch keinen Kontakt. Das Gebäude, in dem die Werkstatt war, ist auch für Laienaugen so stark beschädigt, dass es abgerissen werden muss. Es steht inmitten einer Trümmerwüste. Nebenan haben junge Männer mit der Beseitigung von Trümmerresten begonnen. Drumherum sitzen Familien vor ihren zerstörten Häusern. Sie wollen nicht weg, weil sie Angst haben, dass Diebe kommen. Ich schaue einen der jungen Männer an. „Bizarr“, sagt er nur und zuckt mit den Achseln. Wir gehen durch die zerstörten Viertel. Die Menschen versuchen sich so gut wie möglich in den Trümmern einzurichten.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem Krankenhaus vorbei, das für mich die ganze Tragik aufscheinen lässt. Das einst vierstöckige Gebäude ist nur noch so hoch wie ich. Wie Sandwichscheiben sind die Betondecken und das Dach übereinandergeschichtet. Dazwischen sind die Patienten förmlich zermalmt worden. So sehen viele der zerstörten Betongebäude in der Stadt aus. Sie sind schlecht gebaut worden. Die dünnen Pfeiler haben die schwere Last nicht tragen können und haben bei der Erschütterung sofort nachgegeben. Natürlich haben die schlechten Baumaterialien auch mit der grassierenden Korruption zu tun. Viele der Opfer mussten wegen des katastrophalen Zustands der Gebäude sterben. Ein paar Häuser weiter steht eine zerstörte Kirche. Sie ist zum beliebten Fotomotiv geworden. Denn aus den Trümmern ragt ein unversehrtes Kreuz mit einer Christusfigur empor.
< zurück