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Tagebuch Haiti 

Tag 4

Am Sonntagmorgen werde ich bei unserem Partner Mudha abgesetzt. Die Organisation hat ihren Sitz in der Dominikanischen Republik und hat ihr Camp in Port-au-Prince unweit unseres Büros aufgeschlagen. Im Hof stehen dicht an dicht kleine Igluzelte, in denen die Freiwilligen untergebracht sind. Elena ist eine davon. Sie stammt aus New York, hat gerade ihr Marketingstudium abgeschlossen gehabt und in der Dominikanischen Republik Urlaub gemacht, als  sich in Haiti die Katastrophe ereignete. Spontan hat sie sich Mudha angeschlossen. Die Hilfsorganisation hat gleich nach dem Erdbeben Ärzte, Krankenschwestern und –helfer sowie junge Freiwillige nach Port-au-Prince geschickt, wo sie drei Tage lang eine mobile Klinik betrieben haben, bis ihnen die Medikamente ausgegangen sind. Mit einem verkleinerten Team arbeitet Mudha weiter und will in den kommenden Monaten diese Nothilfe noch verstärken.

Morgens ging es also mit einem Team los. Wir wollten zwei Camps besuchen, die von den Überlebenden selbst aufgebaut worden sind. Aber zuerst einmal galt es wie immer, sich in Geduld zu üben. Der Verkehr in der Hauptstadt ist chaotisch. Die vielen Autos verkraftet das ohnehin schon schlechte Straßennetz nicht. Es gibt an vielen Stellen Staus. Dazu kommt noch, dass die Kommunikation eine Katastrophe ist. Das Mobiltelefon funktioniert nur sporadisch und raubt einem den letzten Nerv.

Wir müssen einmal quer durch die schwer zerstörte Innenstadt. Dies ist eine Herausforderung an den Fahrer und seine Mitfahrer. Unterwegs sehen wir am Straßenrand überall Menschen sitzen, die an kleinen Ständen etwas verkaufen wollen, etwas Obst und Gemüse, Zigaretten oder auch Schuhe. Auf riesigen Märkten gibt es alles zu kaufen, was sich die meisten aber ohnehin nicht leisten können. Das geht auch den Bewohnern des ersten Camps so, das nahe der Innenstadt auf dem Grundstück einer katholischen Kirche ist. Der Eindruck ist deprimierend. Beim zweiten Besuch von Mudha, knapp zwei Wochen nach dem Erdbeben, ist die Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe immer noch die einzige Hilfsorganisation, die den knapp 3.000 Menschen Hilfe gebracht hat. Die Kranken wurden medizinisch versorgt und etwas Trinkwasser und Nahrungsmittel wurden verteilt. Jetzt hoffen die Menschen verzweifelt auf weitere Hilfe.

Die Hilfsgüter kommen inzwischen zwar an, aber die Verteilung ist das Problem. Zufällig konnten wir eine Lebensmittelverteilung der Regierung neben dem Kirchengrundstück miterleben. Es gab tumultartige Szenen, die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten. Mit dem massiven Einsatz der Schlagstöcke konnten die UN-Soldaten die Menschen wieder einigermaßen zur Vernunft bringen. Es ist für die Mitarbeiter von Mudha nicht verwunderlich, dass es oft so abläuft. Schließlich haben die Menschen lange auf die Hilfe gewartet und an den Ausgabestellen gibt es einfach immer noch zu wenig.  Außerdem sie dieses Drängen, dieser Tumult in Haiti zu erwarten. Und dabei kommen dann eben nur die Stärksten zum Zug, wie wir deutlich beobachten konnten.

Es ist deshalb wichtig, Vorkehrungen zu treffen, also einen gesicherten Zugang zur Verteilungsstelle.  Vor allem ist es wichtig, den direkten Kontakt zu den Menschen zu haben. Dann helfen diese nämlich bei der Organisation der Verteilung. Nach diesem Prinzip arbeiten eben auch Organisationen wie Mudha und die anderen Partnerorganisationen der Diakonie Katastrophenhilfe. Trotz dieser überall zu beobachtenden schwierigen Situationen scheint es mir nicht so, dass Haiti in Chaos und Gewalt untergeht. Natürlich gibt es Bandenkriminalität und Diebstähle, aber das gab es auch schon vor dem Beben. Die meisten der Opfer sind diszipliniert und tragen mit erstaunlicher Geduld ihr Schicksal. Zum Beispiel sehen wir Frauen, die mitten auf der Straße Wäsche waschen, weil genau an der Stelle Wasser aus einer beschädigten Leitung fließt. Die Menschen sind es gewohnt zu improvisieren.

Noch erschreckender die Situation im zweiten Camp. Auf dem Gelände eines früheren Hotels türmt sich der Müll, ein fast ausgetrockneter Swimming Pool ist Brutstätte von Moskitos. Die Mudha-Leute haben einen Tag zuvor alle Camp-Bewohner registriert, um möglichst schnell Hilfe verteilen zu können. Mudha will so schnell wie möglich mit Unterstützung der Diakonie Katastrophenhilfe den Menschen Hilfe  bringen.

Als wir das Lager verlassen, fahren wir zurück über den beschädigten Hafen. Hier sieht man an den ärmlichen Behausungen erst, wie schlecht es den meisten Haitianern schon vor dem Erdbeben ging. Die Slums gehören sicher zu den schlimmsten auf der Welt, auch für mich. Hier ist die Armut konzentriert. Und dann noch das Erdbeben. Das Armenhaus bekommt jetzt Hilfe, das ist gut. Trotzdem sehe ich die Gefahr, dass sich nach kurzer Zeit niemand mehr für Haiti interessiert. Das beschäftigt uns natürlich auch am Abend in unseren Gesprächen. Und auch die Frage, inwieweit Voodoo wichtig ist zur Aufarbeitung des Traumas. Aber jetzt stehen die akuten Verteilungsfragen im Vordergrund.

> Online spenden: Erdbebenhilfe Haiti

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