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Tagebuch Haiti 

Tag 1

Hektischer Aufbruch in Stuttgart am Tag 8 nach dem katastrophalen Erdbeben in Haiti am 12. Januar. Am Dienstagmorgen um 5 Uhr klingelte zum ersten Mal das Telefon. Ein Kollege aus der Dominikanischen Republik berichtete von einem schweren Erdbeben im benachbarten Haiti. Fast zeitgleich kamen vom Büro der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti die ersten Augenzeugenberichte per E-Mail, die erstmals das erschreckende Ausmaß der Katastrophe erahnen ließen. Danach stand das Telefon nicht mehr still – Anfragen von morgens bis abends zu unserer Arbeit vor Ort, ersten Eindrücken und der geplanten Hilfe.

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Acht Tage später kam die Bitte zum Aufbruch, um die Kolleginnen und Kollegen vor Ort zu entlasten. Nach einer guten Woche waren sie völlig erschöpft. Sie hatten selbst das Erdbeben erlebt, zum Teil Angehörige verloren und die vielen, vielen Toten gesehen. Gleichzeitig galt es, die ersten Hilfsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Parallel zu meinem Aufbruch war ein Hilfsgüterflug auf dem Weg nach Port-au-Prince. Ich machte mich am Mittwochabend, 20. Januar, von Stuttgart zum Frankfurter Flughafen auf. Nach all den schrecklichen Bildern von den vielen Toten und Verletzten sowie den Trümmerbergen mit einem mulmigen Gefühl.

Wo kann man unterkommen, wie sind die Arbeitsmöglichkeiten, ist eine vernünftige Kommunikation möglich in all dem Chaos? Doch es war keine Reise ins Ungewisse. Zum einen war klar, dass mich die Mitarbeiterin einer Partnerorganisation in Empfang nehmen und den Transfer nach Port-au-Prince organisieren würde. Und es ging alles glatt trotz des Chaos an der Grenze und den verstopften Straßen in Haiti war ich einen Tag später am Nachmittag in Port-au-Prince. Allein am Tag zuvor hatten nach Angaben des haitianischen Zöllners, der mir einen Stempel in den Pass drückte, 300 Ausländer die Grenze passiert.

Erste Anlaufstation war der Flughafen. Mit dem Auto ging es direkt auf die Rollbahn. Dort wurden die Hilfsgüter gerade in Helikopter der US-Marines umgeladen und nach Süden in die Stadt Jacmel geflogen. Auf dem Rollfeld herrschte Hochbetrieb. Ständig landeten und starteten Helikopter. Daneben kamen riesige Frachtmaschinen an, zivile und militärische. Die Amerikaner hatten den Flughafen übernommen. Der Flugbetrieb wird von einer mobilen Einheit am Rande des Rollfelds geregelt.

Die Soldaten, die ein Camp am Ende der Rollbahn eingerichtet haben, sind äußerst zuvorkommend und hilfsbereit. Obwohl sie den Flughafenbetrieb wieder zum Laufen brachten, zögerte sich die Ankunft unseres Hilfsflugs zweimal hinaus. Unter anderem deshalb, weil der Luftraum über Port-au-Prince drei Stunden lang gesperrt worden war, weil US-Außenministerin Hillary Clinton Haiti besuchte, wie mir mein Kollege kopfschüttelnd erklärte.  Die Versorgung der Menschen ist schließlich davon abhängig, dass der Flughafen funktioniert. Denn der Landweg von Santo Domingo ist mühsam bei den schlechten und total überlasteten Straßen in Haiti.

Was ich mir bis dahin noch nicht vorstellen konnte war, welche Schäden das Erdbeben wirklich angerichtet hatte. Irgendwie standen die Zahl der vermuteten Toten, die gerade mit 200.000 angegeben worden war, in starkem Kontrast zu dem, was ich bislang gesehen hatte. Wir fuhren über den Flughafen in unser im Westen der Stadt gelegenes Büro. Die US-Botschaft, die wir passierten, war belagert von Hunderten Menschen.  In den Straßen der Vororte vereinzelt zerstörte Häuser. Sonst alles intakt. Auch Petion Ville, wo das Büro der Diakonie Katastrophenhilfe liegt,  war weitgehend verschont geblieben. Hier waren auch die Supermärkte wieder geöffnet. Riesenschlangen hatten sich vor einer Bank gebildet. Und die Straßen waren völlig verstopft.

Es war Tag 9 nach dem Erdbeben und nach Auskunft der Kollegen, die das Erdbeben miterlebt hatten oder kurz danach kamen, der Wendepunkt.
Das hieß, dass es offensichtlich wurde, dass es wieder aufwärts geht, dass die Stadt aus ihrer Schockstarre erwacht. Schon seit drei Tagen gab es wieder Benzin. Aber an dem Tag meiner Ankunft hatten erstmals wieder Banken geöffnet, die Müllabfuhr hatte ihren Betrieb offenbar wieder aufgenommen  und die lokalen Märkte waren wieder voll mit Waren. Trotzdem sah man auch in dem kaum zerstörten Viertel die Folgen des Bebens.

Auf den freien Plätzen campieren die Menschen  in notdürftig aus einigen Decken und Planen gebastelten  Zelten. Es sind nicht nur diejenigen, die ihre Wohnungen verloren haben, die im Freien schlafen. Die Menschen haben einfach Angst vor den Nachbeben. Und die gibt es ständig. Als ich im Büro sitze, wackelt plötzlich der Tisch und das Wasser im Glas schwappt fast über. Alle erstarren und machen sich zur Flucht ins Freie bereit, als das Zittern wieder aufhört. Kurz zuvor, so erzählt mir mein Kollege, seien bei dem schweren Nachbeben der Stärke 6 alle ins Freie gestürzt. Er zeigt mir Fotos, auf denen die Kollegen auf der Straße vor dem Büro mit dem Laptop sitzen und arbeiten.

Der große Schock für mich kommt kurze Zeit später. Ein haitianischer Mitarbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe begleitet mich in die schwer zerstörte Innenstadt. Das Ausmaß der Zerstörung ist gigantisch. Ich bin einiges gewohnt von Erdbebengebieten. Vor zehn Jahren habe ich im indischen Bundesstaat Gujarat nach dem heftigen Beben gearbeitet genauso wie später in der iranischen Stadt Bam oder kürzlich im indonesischen Padang. Aber was ich in Port-au-Prince sehe, ist einfach nur schrecklich. Die Innenstadt ist ein einziger Trümmerhaufen. Vereinzelt machen sich Menschen mit ihren bloßen Händen in den Trümmern zu schaffen, um ihre Habe zu retten.

An einigen Stellen ist der Verwesungsgeruch noch sehr stark, wenn er auch nicht mehr über der gesamten Innenstadt liegt. Diesen Leichengeruch vergisst man nie. Sogleich kamen mir die Szenen nach dem Erdbeben in Indien in Erinnerung, wo verzweifelte Angehörige vor den zusammengefallenen Häusern standen und wo Körperteile der Toten aus den Trümmern ragten. Zwar lagen jetzt nicht mehr Tote in den Straßen, wie man es im Fernsehen sehen konnte. Doch noch immer gibt es unzählige Tote unter den Trümmern, einige liegen auch noch in den Trümmerhaufen – verwest bis zur Unkenntlichkeit.

Als wir an der völlig zerstörten Kathedrale halten und ich aussteige, stehen wir plötzlich vor den Überresten von zwei Menschen, die auf der Flucht aus der Kathedrale von den herabstürzenden Steinen erschlagen wurden. Eine Passantin beschwert sich, dass noch niemand die Leichen weggebracht hat. Aber bei dem massenhaften und allgegenwärtigen Sterben ist ein Urteil darüber schwierig. Ohnehin müssen in der Kathedrale noch viele Tote liegen, allein aufgrund des penetranten Verwesungsgeruchs. Ich überlege mir, wie die Menschen mit diesem Schrecken umgehen und was für Gefühle sie haben. Schließlich ist bekannt, wie weit verbreitet unter den Haitianern der Ahnenkult ist.

Mit solchen Gedanken im Kopf und völlig aufgewühlt von dem Ausmaß der Zerstörung, kehre ich ins Büro zurück. Dass der Tod und das Sterben in Haiti eine zentrale Rolle einnehmen, bestätigen mir auch die Mitarbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Es heißt, dass die Haitianer für eine Beerdigung ein Vermögen ausgeben und sich Familien sogar damit ruinieren. In völligem Gegensatz dazu stehen die schnellen und anonymen Beerdigungen in Massengräbern.

Offensichtlich ist, dass die Überlebenden unter Schock stehen. Auch der Fahrer, Jean Ernst. Er zeigt mir das zerstörte Haus, in dem er im obersten Stock lebte. Sein Cousin ist von einer einstürzenden Mauer erdrückt worden. Aber seine Familie hat glücklicherweise überlebt. Seine Frau und die drei Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren leben auf dem großen dicht bevölkerten freien Platz vor dem Präsidentenpalast.  Später erfahre ich von einer anderen Mitarbeiterin, dass er Angst hatte, in seine Wohnung zurückzugehen und nach seiner Habe zu schauen. Er wollte nicht mehr dorthin zurückgehen, wo er den Eindruck hatte, dass „ihn die Wände verschlingen“.

Kurze Zeit später hatten Diebe seine Wohnung aufgebrochen und vieles gestohlen. Dennoch ging Jean Ernst nicht selbst zurück in seine Wohnung, sondern schickte einen Verwandten. Jean Ernst ist beileibe kein Einzelfall. Die Angst sitzt tief und es gibt sicher viele Menschen, die eigentlich lernen müssten, mit ihr umzugehen. Das zeigt sich im Kleinen an den 26 Mitarbeitern der Diakonie Katastrophenhilfe, von denen einige den Schock noch gar nicht richtig verarbeiten konnten. Dennoch arbeiten sie, und das ist in dieser Situation offenbar sehr wichtig für sie. Nicht nur als Halt, sondern auch als Möglichkeit, den anderen zu helfen.

Die Menschen leben auf der Straße. Ein anderer Mitarbeiter erzählt mir, dass es ihm wenigstens gelungen ist, seine Mutter bei Verwandten unterzubringen. Er selbst sagt, dass er jeden Abend Angst hat, in seiner Notunterkunft unter freiem Himmel einzuschlafen. Er fürchtet sich vor Dieben. Polizeitrupps mit Schlagstöcken und Plastikschilden sind in der Stadt zu sehen. Sie gehen gegen Gruppen von Plünderern vor, die zum Teil offenbar auch bewaffnet sind und aus den Trümmern holen, was sie finden können. Aber dies scheinen eher punktuelle Einsätze zu sein, wie sich aus Berichten von Kollegen ergibt.

Ich habe nicht den Eindruck und das Gefühl, dass Haiti jetzt in Gewalt und Chaos versinkt. Vielmehr ist insgesamt die Disziplin, Geduld und Leidensfähigkeit der Menschen bewundernswert. Ich bin auch allein in der Stadt unterwegs und fühle mich überhaupt nicht bedroht. Natürlich ist es auch nach dem Erdbeben so, dass man bestimmte Stadtviertel genauso wie vor der Katastrophe besser meiden sollte.

Mit Gesprächen darüber, dass Plünderungen in so einem chaotischen Zustand nicht unbedingt ein spezifisch haitianisches Problem sind und vor allem darüber wie denn so großes Leid zu ertragen ist, welche Zukunft die Menschen in einem Land haben, das bisher ein Armenhaus war, vergessen vom Rest der Welt., beschließen wir den Tag. Das Argument, dass die Katastrophe auch eine Chance für das Land und die Menschen birgt, wenn ein vernünftiger Wiederaufbau erfolgt und endlich stabile Strukturen im Land entstehen, gibt auch ein Stück Hoffnung. Und dann sinke ich todmüde in den Schlaf nach einer fast durchwachten Nacht im Flugzeug. Ich habe sogar das Privileg in einem richtigen Bett zu schlafen in der Wohnung der Leiterin des Büros der Diakonie Katastrophenhilfe, Astrid Nissen. Ich bin jedoch nicht der einzige, der nach dem Erdbeben hier unterkommt. Wir alle wissen, wie viele Menschen da draußen im Freien schlafen oder auch weiterhin durch die Straßen irren.

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